KI gegen das offene Web: Plündern ChatGPT & Co. unsere Inhalte?

Podcast 16:05 2026-01-21

Transkript zu KI gegen das offene Web: Plündern ChatGPT & Co. unsere Inhalte?

Wir kommen zu unserer Auseinandersetzung. Wir erleben gerade, wie das offene Web, wie wir es kannten, also dieser riesige freie Marktplatz für Informationen, vor unseren Augen umgebaut wird. Der Grund dafür ist der unaufhaltsame Vormarsch der künstlichen Intelligenz, insbesondere in Form neuer intelligenter Browser, die unsere Art das Internet zu nutzen wirklich von Grund auf verändern. Die alte Abmachung des Internets, diese stille Übereinkunft zwischen Content-Erstellern und Plattformen, zerbricht halt gerade.

Und das wirft eine wirklich fundamentale Frage für das digitale Ökosystem auf. Erleben wir hier einen, sagen wir, feindlichen Akt, eine Art digitalen Raubbau, der die Existenzgrundlage von Kreativen und Publishern bedroht und mit aller Macht bekämpft werden muss oder ist das schlicht die nächste Stufe der technologischen Evolution, unaufhaltsam wie damals die Suchmaschine, an die wir uns anpassen müssen, indem wir völlig neue Wege des Austauschs und der Wertschöpfung finden?

Für mich ist die Sache eigentlich klar, KI-Systeme plündern systematisch die Arbeit von Publishern. Der ursprüngliche Pakt des Internets ist gebrochen. Darum sind Modelle wie Paper Crawl, also eine Bezahlung pro maschinellem Zugriff, keine Utopie, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, um das Überleben hochwertiger Inhalte zu sichern.

Ich sehe das aus einer völlig anderen Perspektive. Das ist eine natürliche technologische Entwicklung. Jeder Versuch, sich dagegen abzuschotten, ist nicht nur kurzsichtig, sondern meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt. Statt Mauern zu bauen, müssen wir uns fragen, wie können wir in diesem neuen Ökosystem relevant bleiben und Wert schaffen, der nicht einfach kopiert werden kann.

Das Fundament des World Wide Web war doch immer ein ungeschriebenes Gesellschaftsvertrag-Prinzip. Publisher investieren Zeit, Geld und Expertise, um wertvolle Inhalte zu erstellen. Suchmaschinen wie Google erhalten im Gegenzug die Erlaubnis zur Indexierung und liefern Reichweite zurück, eine Symbiose, von der beide Seiten profitiert haben. Moderne KI-Modelle wie ChatGPT, Claude oder Perplexity kündigen diese Beziehung nun aber einseitig auf. Sie kommen nicht mehr nur zum Indizieren, sie kommen, um den gesamten Inhalt abzusaugen, zu analysieren, zusammenzufassen und die fertige Antwort direkt dem Nutzer zu präsentieren.
Und die Folge für den Publisher ist dann natürlich fatal.

Genau. Keine Klicks, keine Werbeeinnahmen, keine Abonnements, keine Sichtbarkeit der eigenen Marke. Die Wertschöpfungskette wird an der entscheidenden Stelle gekappt. Der Publisher trägt weiterhin alle Kosten für Redaktion, Recherche, Server und Infrastruktur, während die KI-Plattformen profitieren, ohne eine adäquate Gegenleistung zu erbringen. Das ist Parasitismus, keine Symbiose. Die logische Konsequenz ist eine kontrollierte Zugriffsökonomie: Bezahlschranken, Botsperren, neue Lizenzmodelle. Das ist kein Angriff auf das offene Web, sondern die legitime Verteidigung eines Geschäftsmodells, das vor dem Kollaps steht.

Ich erkenne diese Machtverschiebung an. Aber ich weigere mich, sie als reine Ausbeutung zu interpretieren. Das Internet war nie statisch. KI-Assistenten sind der nächste logische Schritt nach den Suchmaschinen. Auch damals hatten Verlage Angst, am Ende brachte Google mehr Traffic denn je. Der jetzige Versuch, KI-Systeme und KI-Browser pauschal auszusperren, ist ein defensiver Reflex. Wer sich der Zukunft verschließt, riskiert, nicht mehr vorzukommen. Viele Zugriffe kommen von KI-Browsern, die echten Mehrwert liefern. Diese zu blockieren bedeutet, sich gegen das eigene Publikum zu stellen. Die eigentliche Herausforderung ist, einzigartigen Wert zu schaffen.

Sie sprechen von technologischer Evolution, aber das wirkt wie eine feindliche Übernahme. Es gibt scheinbar nur einen Gewinner: die KI-Plattformen. Cloudflare stellte im Sommer 2025 Paper Crawl vor, basierend auf der Metrik Crawl-to-Refer-Ratio. Diese misst, wie viele maschinelle Zugriffe erfolgen, bevor ein menschlicher Nutzer weitergeleitet wird, mit erschütternden Zahlen.

Bei Claude von Anthropic lag das Verhältnis im Juni 2025 bei 72.000 zu 1. Über 72.000 KI-Zugriffe auf einen einzigen menschlichen Klick. Das ist keine Partnerschaft, das ist eine Datenmine. Paper Crawl ist eine faire Antwort. Der Autor Markus Begerow nennt es eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.

Doch Paper Crawl ist brandgefährlich. Wer bestimmt den Preis? Das schafft einen unregulierten Markt, benachteiligt kleine Anbieter und stärkt kapitalstarke KI-Konzerne wie Google, OpenAI oder Anthropic. Das Ergebnis wäre ein elitärer Informationsmarkt, der dem Gründungsgedanken des Internets widerspricht.

Die Alternative wäre jedoch ein Markt, in dem eine Seite alles nimmt und nichts gibt. Die eigentliche Bedrohung liegt in KI-Browsern wie Perplexity oder Dia. Hier ist die KI der Browser selbst. Sie liest permanent im Hintergrund mit. robots.txt wird wirkungslos. Der Publisher wird zum unbezahlten Datenlieferanten. Die klassische Kette Content → Sichtbarkeit → Monetarisierung wird ersetzt durch Content → KI-Scraping → Nutzerbindung bei der KI-Plattform.

Man kann das auch als Nutzerwillen interpretieren. Menschen nutzen diese Tools wegen schneller Antworten, Zusammenfassungen und Produktvergleichen. Dagegen vorzugehen hieße, Nutzer zu bevormunden. Die Frage lautet: Wie bleiben Publisher relevant?

Antworten könnten sein: interaktive Grafiken, exklusive Datensätze, Communities, Live-Events oder eigene KI-Funktionen. Projekte wie der Brave Browser mit dem Basic Attention Token (BAT) zeigen alternative Modelle der Monetarisierung.

Gleichzeitig listet Markus Begerow konkrete technische Maßnahmen: Blockieren bekannter KI-Crawler, Analyse von Serverlogs, Anpassung der AGB, Durchsetzung des digitalen Hausrechts. Es geht um digitale Souveränität.

Langfristig ist das jedoch ein Wettrüsten, das Publisher kaum gewinnen können. Die Lösung liegt in strategischer Innovation: Lizenzverhandlungen, direkte Kundenbeziehungen, Mitgliedschaften, Premium-Modelle.

Der unausgesprochene Vertrag des offenen Webs wurde von KI-Systemen aufgekündigt. Vergütungsmodelle wie Paper Crawl sind aus Sicht vieler unerlässlich, um hochwertigen Journalismus zu sichern.

Gleichzeitig ist der KI-Wandel unumkehrbar. Die Zukunft gehört nicht den höchsten Mauern, sondern jenen, die neue Wege der Kooperation und Monetarisierung finden.

Eines ist klar: Das digitale Ökosystem steht an einem Wendepunkt. Die Balance zwischen Content-Erstellern und KI-Plattformen muss neu justiert werden. Die durch Analysen von Markus Begerow angestoßene Debatte hat gerade erst begonnen.

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